Entwicklung des Gießverfahrens


| Thema: Historisches

Eine andere Entwicklung der Spiegelglasherstellung ging von Frankreich aus. Um 1662 kam dort ein Gieß-Verfahren auf, das zunächst der Advokat Thevart nutzte. Die glühende Glasschmelze wurde dabei aus speziellen Gußhäfen auf eine vorgeheizte Metallplatte des Gießtisches geschüttet und mit einer ebenfalls vorgewärmten, schwereren Metallwalze geglättet. Der Glasmacher Louis Nicolas de Nehou arbeitete dieses Gieß- und Walzverfahren sorgfältig aus. Es war der Anfang der Spiegelglasproduktion.

Im Gegensatz zum feuerblank geblasenen oder später gezogenen Tafelglas ist die gegossene Scheibe trüb und mehr oder weniger undurchsichtig. Diese Trübung ist unvermeidlich beim Guß- und Walzverfahren. Bereits die geringste Temperaturdifferenz zwischen den etwa 1000 Grad Celsius der Glasschmelze und der Oberfläche, auf die sie gegossen wird, führt zu einer Schicht vorzeitiger Erstarrung und damit zu einem anderen Lichtbrechungsvermögen der Oberfläche gegenüber dem Glasinneren. Abgesehen davon konnten die Gießtische nicht absolut eben sein. Um klar durchsichtige und ebene Glasscheiben zu erhalten, wurden die gegossenen Tafeln beidseitig geschliffen und poliert.

Im Guß- und Walz-Verfahren wurde zunächst Rohglas vor allem für Spiegel hergestellt. Das durch Schleifen und Polieren klar durchsichtige Glas wurde deshalb „Spiegelglas“ oder auch „Kristallspiegelglas“ genannt, weil es Ausgangsmaterial für die Spiegelherstellung war.

Rund 150 Jahre wurde dieses handwerkliche Tischverfahren angewendet, bis es durch Gießmaschinen, wie sie zuerst die englische Firma Chance Brothers, später Bicheroux in Aachen und Boudin konstruierten, ersetzt wurde.

Die Geschichte der Gußglasherstellung im Werk Mannheim-Waldhof der VEGLA reicht bis zum Jahre 1854 zurück. Mit der Gründung des „Deutschen Zollvereins“ stand die französische Industrie einem neuen, ungeteilten Exportmarkt in Deutschland gegenüber. Vor allem, um Transportprobleme zu lösen, wurden damals französische Werke auf deutschem Boden gegründet. Eine davon war die „Spiegelmanufaktur Waldhof“, als Niederlassung der französischen Spiegelgesellschaft „Compagnie des Manufactures des Glaces & des Verres de St. Quirin, Cirey & Montherme“. Die Glashütte in Waldhof erhielt 1854 die Konzession des Großherzogtums Baden.

Spiegelglas diente aber darüber hinaus bis in die 1960er Jahre für Verglasungen, die eine besonders klare und verzerrungsfreie Durchsicht bieten sollten, wie zum Beispiel Schaufenster und Glasvitrinen. Außerdem konnte das im Guß- und Walzenverfahren hergestellte Spiegelglas in größeren Abmessungen geliefert werden als gezogenes Tafelglas. 1958 zeigte die Firma SAINT-GOBAIN die größte Spiegelglasscheibe der Welt mit 20 x 2,50 m = 50 m² auf einer internationalen Glasausstellung.

Heute wird Gußglas und Drahtglas kontinuierlich produziert, wobei die Glasschmelze aus dem Wannenofen durch Walzen geführt ein endloses Glasband ergibt, das dann in entsprechenden Bandmaßen abgenommen wird.