Entwicklung des Ziehverfahrens


| Thema: Historisches

Das bahnbrechende Prinzip zur Industrialisierung der Tafel- oder Fensterglasproduktion war das mechanische Ziehverfahren, bei dem ein flaches Glasband aus der Schmelzwanne gezogen wird. Als erster entwarf der Engländer Clark, 1857, ein solches Verfahren, das jedoch ebensowenig Anwendung finden konnte wie das des Franzosen Vallin, dem dafür zwar 1871 ein Patent erteilt worden war. Erfolg hatte erst der belgische Ingenieur und Leiter der Glasfabrik Frison & Cie, Emile Fourcault (1862-1919). An ihn trat vor 1900 der belgisehe Glasofenkonstrukteur Gobbe mit dem Vorschlag heran, bei Frison & Cie ein Verfahren zur maschinellen Produktion von Fensterglas zu versuchen. Das daraus entwickelte Verfahren wurde nach Fourcault genannt. Der eigentliche Erfinder Gobbe blieb aus unbekannten Gründen im Hintergrund, obwohl Fourcault niemals einen Hehl daraus machte, dass nicht er, sondern Gobbe der eigentliche Erfinder war. Allerdings hatte Fourcault den langen und schweren Weg bis zur Produktionsreife des Verfahrens unter großem persönlichem sowie finanziellem Einsatz zurückgelegt. 1902 und 1904 ließ Fourcault das Verfahren in allen maßgebenden Staaten patentieren. Im Frühjahr 1914 wurde in Dampremy bei Charleroi ein erster Wannenofen mit zehn Ziehmaschinen die 1,25 und 1,00m breite Glasbänder herstellten, in Betrieb genommen. Den weltweiten Erfolg seines Verfahrens konnte Fourcault nicht mehr erleben.

Ein zweites Ziehverfahren entwickelte der Amerikaner Irving Waightman Colburn (1861-1917). Während die Fourcault-Maschine das Glasband senkrecht hochzog, lenkte Colburn das Glasband nach etwa einem Meter senkrechtem Aufzug über eine luftgekühlte Biegewalze in die Horizontale um. 1906 wurde die erste Ziehanlage von Colburn in Franklin/Pensylvania in Betrieb genommen. Nachdem Colburn seine eigene Firma aufgeben mußte, nahmen ihn Michael Joseph Owens und Eduard Drummond Libbey in ihr Unternehmen auf. Colburn baute dort eine neue Maschine, die ab 1915 marktgerechtes Tafelglas produzierte. Der von Colburn entwickelte Ziehprozeß hieß von da an Libbey-Owens-Verfahren. Seit 1928 wurde ein drittes Verfahren zum Ziehen von Glas angewendet, das die Pittsburgh Plate Glass Company entwickelt hatte. Es vereinte Vorteile des Fourcault- und des Libbey-Owens-Verfahren. Beim Pittsburgh-Verfahren wurde das Glasband wie bei Fourcault senkrecht in den 10-12 m hohen Kühlschacht gezogen.

Die Tagesleistung einer Glashütte mit 6 Ziehmaschinen entsprach etwa der Jahresleistung von 8 mittelalterlichen Hütten. Dabei lag die Kapazität einer Fourcault-Maschine Ende der zwanziger Jahre bei 22.500 m² im Monat.

Die Glasziehverfahren, vor allem die durch Fourcault betriebene Entwicklung, waren die bedeutendste Innovation auf dem Gebiet des Glasmachens seit der Erfindung der Glasmacherpfeife. Sie leitete aber auch eine Konzentration der Glasproduktion und damit ein Hüttensterben ein. 1913 stellten in Deutschland 70 Betriebe Tafelglas im Mundblasverfahren her. 1925 arbeiteten noch 56 Betriebe mit dem Mundglasverfahren und lieferten 98 Prozent des Tafelglases, während erst 2 Betriebe Ziehglas herstellten. Dieses Verhältnis änderte sich bis 1929 grundlegend. Die Zahl der Mundblasglas-Hütten schrumpfte bis auf 10 Hütten, die 9 Prozent des Tafelglases herstellten. Inzwischen enstanden 12 Hütten, die 91 Prozent der gesamten Tafelglasproduktion im Ziehverfahren bestritten.

Glastechnologisch brachten die Ziehverfahren neue Erkenntnisse über die entscheidende Bedeutung der physikalischen Werte des Glases für die maschinelle Herstellung. So stellten die in den kontinuierlich arbeitenden Schmelzwannen entstehenden Glasströmungen Probleme dar, die beim Mundblasverfahren unerheblich waren. Das im Fourcault-Verfahren auch massives Milchglas sowie Farbgläser und Spezialgläser nach der Überfangmethode kontinuierlich hergestellt wurden, weißt darauf hin, dass das Fourcault-Verfahren äußerst leistungsfähig war und außer seiner praktischen Anwendung in der Produktion auch zu neuen Entwicklungen sowie zur besseren Erforschung des Werkstoffes Glas führte.