Das Zylinderblasverfahren und Streckverfahren


| Thema: Historisches

Nach der Römerzeit entwickelte sich in den Klöstern nördlich der Alpen ein Walzverfahren, das der Mönch Theophilos Presbyter (ca. 1000 n. Chr.) beschreibt. Es wurde eine zylinderförmige Flasche geblasen, deren Enden man abkappte. Im Streckofen wurde der längsseits aufgeschlitzte Glaszylinder zu einer Scheibe gestreckt. Der von Theophilos beschriebene Ofen verschlang in 24 Stunden rund 4 Tonnen trockene Buchenscheite, um die Hitze für die Glasschmelze zu erreichen. Wesentlich mehr Holz, nämlich das 5 bis 6fache, wurde für die Erzeugung des Flußmittels Pottasche benötigt. Wegen des hohen Holzbedarfs trennten sich die Glashütten im Verlauf des Mittelalters von den Klöstern und zogen in die Wälder dem Holz nach. So entstanden die berühmten Waldglashütten. Sie stellten für die Fensterverglasung Butzenscheiben her. Dazu wurde zunächst eine Glaskugel geblasen, an der dann ein Hefteisen befestigt wurde. Nach dem Absprengen der Glasbläserpfeife folgte das Aufweiten der Kugel. Durch rasches Drehen streckte sich dann das Glas zu einer runden Scheibe. Der Wulst am Hefteisen in der Mitte der Scheibe, der Butzen, gab diesem Glas seinen Namen. Charakteristisch für die Butzenscheiben ist die Wulst am Rand.

Im 18. Jahrhundert verdrängte das Zylinderblas- oder Blas- und Streckverfahren das Mondglas fast vollständig. Die Entwicklung immer besserer Öfen und entsprechender Glasrezepturen erlaubten es in der Folge, Glaszylinder, sogenannte Tafelwalzen, bis zu 3,20 m Länge und 0,65 m Durchmesser oder 1,80 m Länge und 1,26 m Durchmesser oder 1,80 m Länge und 1,26 m Durchmesser mundgeblasen herzustellen. Diese Tafelwalzen wurden aufgeschnitten und in Öfen zu ebenen Scheiben gestreckt. Der Wiener Glasexperte Ludwig Lobmeyr berichtet in seinem, 1874 in Stuttgart erschienenen, Buch „Glasindustrie“, daß damals Glastafeln mit 1,80 x 1,20 m und auch bis zu 2,10 x 1,30 m in den Handel kamen. 1901 wurden in Deutschland Versuche zu einer Mechanisierung des Mundblasverfahrens nach P. TH. Sievert unternommen, die jedoch 1909 erfolglos eingestellt wurden. Um 1904 gelang es dem Amerikaner Lubbers eine brauchbare ZylinderbIasMaschine für Fensterglas zu entwickeln. Mit ihr konnten 9 bis 10 m lange Glaszylinder mit 50 bis 60 cm Durchmesser hergestellt werden. Das ergab rechnerisch, aufgeschnitten und gestreckt, Scheibengrößen bis rund 1,90 x 9,00 m. Mit Kriegsbeginn 1914 wurde die erfolgreiche Produktion mechanisch geblasener Glaszylinder nach dem Lubbers-Verfahren in Deutschland eingestellt und später nicht mehr aufgenommen.