Glas im Wandel der Zeit


| Thema: Historisches
Erste Glasfunde vor 6.000 Jahren

Erste Glasfunde vor 6.000 Jahren

In den Anfängen der Glasherstellung waren Glasperlen ein begehrtes Handelsobjekt. Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. wurden die ersten Fensterscheiben aus Glas hergestellt. Fenster gab es bereits vor 6.000 Jahren – als Öffnungen für das Tageslicht und für die Lüftung. Doch erst den Römern gelang es, Glas einzusetzen. Sie verbreiteten die Technik der Glasherstellung im gesamten Römischen Reich. Vor allem nördlich der Alpen war es klimatisch geboten, die Fensteröffnungen auch bei tiefen Temperaturen und schlechtem Wetter funktionsfähig zu halten, anstatt sie dunkel zu verschließen. So gehörte zum festen Bestandteil einer römischen Legion ein „Specularius“, ein Fensterglasermeister. Die römischen Glasscheiben, die bis zu 70 x 100 cm groß waren, entsprachen unserem heutigen Rohglas. Sie ließen Licht hindurch, waren aber nicht durchsichtig.

Auch Glasspiegel konnten die Römer bereits herstellen. Wie Funde in Regensburg, dem römischen Castra Regina, ergaben, hinterlegten die Römer dünne Glasscheiben mit Blei.

Erste Kirchenfenster um 600 n.Ch.

Erste Kirchenfenster um 600 n.Ch.

Mit dem Ende der römischen Herrschaft und dem Beginn unserer abendländisch-christlichen Kultur griffen die Klöster nördlich der Alpen die Glaserzeugung wieder auf. So ist es verständlich, dass es zunächst die Kirchenfenster waren, die verglast wurden. lteste Zeugnisse davon datieren um das Jahr 591 n. Chr.

Um Kirchenfenster zu gestalten, entwickelte sich schon bald die Kunst der Glasmalerei. Darunter ist nicht das Malen auf Glas, sondern das Zusammensetzen von farbigen Glasstücken zu durchscheinenden Ornamenten und figürlichen Darstellungen zu verstehen. Auf das farbige Glas wurden nur die Konturen der Zeichnung mit Schwarzlot aufgemalt. Die Farben selbst brachte das Glas. Nachdem das Schwarzlot eingebrannt war, setzte man die zugerichteten Glasstücke mit Bleiruten zu Fensterflächen zusammen.

Waren die bunten Glasfenster in der Zeit der Romanik (950 bis 1150) noch recht klein, so beherrschten sie in der nachfolgenden Stilepoche der Gotik (1150 bis 1500) den Raum als riesige, durchleuchtete Bildteppiche. Das Verhältnis von Fensterfläche zu Grundfläche betrug in romanischen Kirchen etwa 1:10. In den gotischen Kathedralen war die Fensterfläche weit größer als die Grundfläche, etwa 10:6,5.

Die Gotik schuf mit ihren Fensterflächen erstmals eine Glasarchitektur, indem sie Wände zwischen den tragenden Pfeilern ganz in Glas auflöste. So wurden in der Kathedrale von Chartres (um 1200) rund 5.000 qm farbige Glasfenster eingesetzt. Mit den gotischen Fenstern wurde weder der Ausblick noch eine Lichtwirkung nach außen angestrebt. Sie dienten der Gestaltung des Innenraums mit mystischem, farbigem Licht, auch als Diaphane Gitterwand bekannt.

Die Bürgerbauten standen bald den Kirchen an Glasfenstern nicht nach. Die Rathaussäle und Saalbauten, die in Bremen, Lübeck und Prag gebaut wurden, zeugen mit ihren großen Fensterwänden davon. Auch in den Wohnhäusern setzten sich die Glasfenster durch. Zwar mußten die Fensterflächen noch lange in kleine Scheibenflächen unterteilt werden, die mit Bleiruten gefaßt wurden, aber das hinderte nicht, viele und große Fenster zu verwenden.

Die Unterteilungen der lichten Fensteröffnung durch Bleiruten und Sprossen waren stets auch ein Gestaltungselement. Selbst als man bereits verhältnismäßig große Glastafeln herstellen konnte, verwendete man schon aus praktischen Erwägungen kleine Scheiben, die stabil im Rahmen saßen und die man leicht reparieren konnte.

Erste Glasspiegel um 1450

Erste Glasspiegel um 1450 mit Quecksilber hinterlegt

Im ausgehenden Mittelalter befaßte man sich wieder mit der Herstellung von Glasspiegeln, während in den davorliegenden Jahrhunderten die Metallspiegel dominierten. Johannes Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst mit beweglichen Lettern, hat sich 1440 bis 1444 mit der Herstellung kleiner Glasspiegel beschäftigt, die er als Andenken an Besucher des Straßburger Münsters vertrieb. 1507 wurde in Venedig die Spiegelherstellung durch das Belegen mit Quecksilber verfeinert. In Deutschland galt Nürnberg lange Zeit als Hochburg der Spiegelerzeugung. Einen großen Aufschwung nahm die Spiegelherstellung in Frankreich, wo während des Barocks Spiegel als großzügiges Gestaltungsmittel in den Innenausbau der Schlösser einbezogen wurden. In Sälen und Kabinetten ordneten die Barockbaumeister Spiegel im Raum wie Fenster an. Diese „Spiegelfenster“ ließen den Raum weiter erscheinen, denn sie reflektierten das Licht von den wirklichen Fenstern und der abendlichen Kerzenbeleuchtung.

In dieser Zeit wurden auch die ersten Gewächshäuser gebaut, um subtropische Pflanzen zu überwintern. Aus diesen Gewächshäusern entwickelte sich von England ausgehend eine besondere Glasarchitektur, die ihren Höhepunkt im Kristallpalast zur Londoner Weltausstellung von 1851 fand. Die rund 563 m lange Ausstellungshalle war mit 300.000 Scheiben verglast. Das entsprach einerGlasmengevon einem Drittel der damaligen Jahresproduktion an Fensterglas in England. Diese eindrucksvolle Glasarchitektur wurde das große Vorbild für eine Vielzahl von Glasbauten des 19. und 20. Jahrhunderts.

Glaspyramide im Louvre

Glaspyramide im Louvre

Die industrielle Fertigung und ihre technische Weiterentwicklung ermöglichten das Gestalten mit großzügigen Glasflächen wie die Verglasung von Bahnhofshallen, Glaspassagen, Wintergärten, Glasanbauten an Wohnhäusern.

Wesentliche Bautypen des 19. Jahrhunderts, wie die in Paris erstmals errichtete Passage, sind Glasarchitekturen. Die älteste noch erhaltene Pariser Anlage dieser Art ist die Passage Colbert, die 1828 errichtet und 1985 restauriert wurde. Einen Höhepunkt erreichte der Passagenbau im 19. Jahrhundert mit der Galleria Vittorio Emanuele 11. in Mailand. Glaspassagen entstanden damals auf der ganzen Welt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Bautyp der Glaspassage erneut aufgegriffen. Die wohl eindrucksvollste und technisch am raffiniertesten konstruierte Glasüberdachung entwarf der amerikanische Architekt leo Min Pei, New York, für die neue Eingangshalle und Passage im Hof des Louvre in Paris. Es ist eine gläserne Pyramide bei der das speziell entwickelte Glas auf einer filigranen Unterkonstruktion aufgeklebt ist.

Der Architekt Mies van der Rohe untersuchte 1920/21 erstmals die Wirkung einer völlig verglasten Hochhausfassade. Er erkannte am Modell, daß große Glasfassaden vor allem durch ihren Spiegeleffekt wirken. Große Baumassen können damit graziler und leichter gestaltet werden. Schließlich nützte die moderne Architektur die inzwischen verfügbaren großen Glasscheibenformate zu ungeteilten großen Glaswänden, die die Trennung von innen und außen vergessen lassen. Als mit der Energiekrise in den 70er Jahren unseres Jahrhunderts die Wärmedämmung zu einem brennenden Thema wurde, sah es zunächst so aus, als ob die Glasarchitektur ihr Ende finden würde. Doch nun entdeckte man auf der Suche nach alternativen Energien den Gewächshauseffekt wieder. Die Glasbauten wirken als Sonnenkollektor, indem sie mehrWärme herein- als hinauslassen. Es gilt nur, für die richtige Belüftung und Beschattung zu sorgen, wenn es zu heiß wird. Noch erstrebenswerter als die Energiegewinnung hat sich jedoch der damit verbundene Gewinn an Lebens- und Wohnqualität erwiesen: Die Glasbauten können den Sommer in unseren Breiten bis zu drei Monaten verlängern.

Die moderne Glasarchitektur bietet dazu noch die Lösung vieler technischer Probleme, wie Schall- und Wärmedämmung, Einbruch- und Brandschutz.