Das Ziehverfahren


| Thema: Herstellungsverfahren

1905 erfand der belgische Ingenieur Emile Fourcault die erste Maschine zur direkten Tafelglasherstellung. Das Problem, das es dabei zu lösen gab, war, das Abschnüren des aus der Schmelze herausgezogenen Glasbands zu verhindern. Wird ein Löffel in flüssigen Honig gesteckt und herausgezogen, so bildet sich am Ende ein Faden. Etwa so verhält sich auch die Glasmasse.

Die Lösung fand Fourcault dadurch, dass er die Glasmasse durch eine Ziehdüse drückte, dadurch vorformte und dann auf beiden Seiten des aufsteigenden Glasbands unmittelbar über dieser Düse Kühlrippen anbrachte, die dieses Abschnüren nicht mehr zuließen.

Der Ziehvorgang erfolgte folgendermaßen

Die Ziehdüse besteht aus feuerfesten Steinen, ist nach oben verjüngt und schwimmt auf der Glasmasse. Wird sie leicht in die Glasmasse gedrückt und verankert, so quillt die Glasmasse aus dem Schlitz hervor. Mit einem Fangstück, das zwischen den zu diesem Vorgang abgehobenen Walzen heruntergelassen wird, wird die Glasmasse nach oben gezogen. Passiert das aufsteigende Glasband die Walzen – das erste Walzenpaar liegt etwa 1 m über der Ziehdüse – so werden die Walzen an das Glasband herangedrückt. Sie übernehmen dann den weiteren vertikalen Transport in dem etwa 7 m hohen Zieh- und Kühlschacht. Die Walzenpaare sind mit Feuerfestem Material überzogen. Oberhalb des Ziehschachts befindet sich die Abbrechbühne, wo das aufsteigende Glasband automatisch abgeschnitten und gebrochen wird.

Eine diesem Glas anhaftende Eigenart sind die sogenannten Ziehstreifen, die die Ziehrichtung des Glases oft deutlich erkennbar machen. Da sie bei einigen Verglasungsarbeiten, z. B. bei Bildern, bei senkrechtem Verlauf eine stärkere Beeinträchtigung der Optik ergeben, sollte man die Streifen lieber horizontalen verlaufen lassen.

Fourcaultsche Ziehanlage mit Schmelzwanne, Ziehmaschine und Abbrechbühne

Fourcaultsche Ziehanlage mit Schmelzwanne, Ziehmaschine und Abbrechbühne

Die jeweils zu ziehende Glasdicke wird von der Ziehgeschwindigkeit bestimmt. Schnelleres Ziehen ergibt dünnes Glas und langsames Ziehen dickeres Glas. Dieses Prinzip gilt auch für das Floatverfahren.

Neben dem Fourcault-Verfahren, gibt es noch das Colburn-Verfahren und das Pittsburgh-Verfahren. Irving Waightman Colburn meldete seine Erfindung 1908 in den USA an. Das Glasband wird hier ohne die von Fourcault benutzte Ziehdüse direkt aus der Glasmasse gezogen. Diese wird von seitlichen Führungsrollen erfasst und zu einem Glasband gespannt. Die Kühlung erfolgt ebenfalls unmittelbar über dem entstehenden Glasband. In einer Höhe von 60 bis 70 cm wird das Glasband über eine Biegewalze in die horizontale Richtung gebracht und weitergezogen.

Das Pittsburgh-Verfahren wird seit 1928 zum Ziehen von Glas angewendet. Es ist eine Kombination der beiden oben beschriebenen Verfahren. Von Fourcault wurde der vertikale Ziehschacht übernommen. An Stelle der Düse befinden sich Leitkörper aus feuerfestem Stein an der Aushebestelle. Die seitlichen Walzenräder sind durch tellerförmige Haltevorrichtungen ersetzt.

Der Ziehvorgang nach Colburn

Der Ziehvorgang nach Colburn

Der Ziehvorgang nach Pittsburgh

Der Ziehvorgang nach Pittsburgh