Geschichte der Flachglasherstellung


| Thema: Herstellungsverfahren
Frühe Glasfunde in Pompeji

Frühe Glasfunde in Pompeji

Nach heutigem Stand der Erkenntnis wurden Flachgläser bereits zu Beginn unserer Zeitrechnung von den Römern hergestellt. Ausgrabungen in Herculanum und Pompeji erbrachten den Nachweis, dass gegossene Glasplatten von 300 mm mal 500 mm Größe zu Verglasungszwecken verwendet wurden. Wenn auch die Glasplatten nach unseren heutigen Vorstellungen primitiv anmuten, denn sie hatten eine rauhe Unterseite, waren ungleich dick, zeigten abgerundete Ecken und waren von unterschiedlicher Farbe , so war ihre Herstellung damals doch sehr kompliziert. Mit dem Untergang Roms ist auch dieses Herstellungsverfahren verschollen. Die ebenfalls vor etwa 2000 Jahren erfundene Glasmacherpfeife hatte zunächst keinen Einfluss auf die Flachglasproduktion. Sie diente ausschließlich zur Herstellung von Hohlglas. Die Fenster der Hagia Sophia, die Sophienkirche in Konstantinopel, erbaut um 532 bis 537 unserer Zeitrechnung waren, wie auch schon einige andere Kirchen mit Glas versehen.

In der Renaissance stieg der Bedarf an Butzenscheiben

In der Renaissance stieg der Bedarf an Butzenscheiben

Mit die ältesten uns erhaltenen Verglasungen stammen aus dem Jahre 1065, sie befinden sich im Augsburger Dom. Die dazu verwendeten Scheiben sind im Zylinder-Streckverfahren hergestellt worden. In fast gleicher Technologie werden auch heute noch vorwiegend farbige Spezialgläser produziert .

Wahrscheinlich im 15. Jahrhundert wurde als neue Herstellungsmethode für Flachglas das „Mondverfahren“ bekannt. An das vom Glasmacher mit Hilfe der Glasmacherpfeife aufgeblasene Külbel wird am entgegengesetzten Ende ein Hefteisen angeschmolzen. Die Glasmacherpfeife wird dann abgesprengt, und die so entstandene Öffnung wird durch schnelles Drehen des Hefteisens mehr und mehr erweitert. Unter Anwärmen und Drehen entsteht so durch die Zentrifugalkraft eine dünne und ebene runde Scheibe. Das Mittelstück lieferte dabei die Butze, der verbleibende Kreisring wurde zu halbmondförmigen Scheiben oder zu Rauten geschnitten. Da besonders in der Renaissance der Bedarf an Butzenscheiben ständig stieg, wurden diese in großem Umfang ebenfalls als kleine Mondglasscheiben hergestellt.

Schon um 1830 gab es Schaufenster mit ca. 8 m² Fläche

Schon um 1830 gab es Schaufenster mit ca. 8 m² Fläche

Eine weitere wichtige Etappe in der Flachglasfabrikation stellte das 1688 von dem Franzosen Louis-Lucas de Nehou eingeführte Walzverfahren dar. 1692 wurde es im Glaswerk SaintGobain zur Herstellung von Spiegelglas, das anschließend zu Spiegeln belegt wurde, angewendet. Aus diesem Verfahren entwickelte sich im Lauf der Jahrhunderte ein immer größer werdender Gießtisch bis etwa 50 m² Fläche. Dadurch war man in der Zeit um 1800 bis 1830 in der Lage, in den Großstädten die ersten großflächigen Schaufensterscheiben mit etwa 8 m² Flächeninhalt einzusetzen. Das Gießen erfolgte zunächst mit Schöpfkellen, und mit zunehmender Größe wurde der Inhalt des gesamten Schmelzhafens zu Glastafeln ausgegossen.

Der Bedarf an Fensterglas wurde bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts nach dem Mundblasverfahren gedeckt. Einige Jahrzehnte zuvor begann eine Phase stürmischer Entwicklung in der maschinellen Glasherstellung. Fast gleichzeitig wurden mehrere Verfahren erfunden, bei denen unter Zuhilfenahme von Pressluft sehr große Zylinder von 6 m Durchmesser und mit einer Länge von 10 m hergestellt werden konnten. Diese Verfahren waren jedoch nur von zeitlich begrenzter Dauer, da sie aus wirtschaftlichen Erwägungen mit den Ziehverfahren nicht konkurrieren konnten.

Anders haben sich die Flachglasziehverfahren des Belgiers Fourcault und des Amerikaners Colburn entwickelt. Sie sind die Erfinder der auch heute noch in der ganzen Welt angewendeten Ziehmaschinen. Mit diesen Maschinen ist es möglich, ein Glasband direkt aus der Glasschmelze zu ziehen, ohne den Umweg über den Zylinder gehen zu müssen.

In unserer Zeit sind in allen Ländern ständig Techniker und Wissenschaftler dabei, alte Verfahren zu vervollkommnen und neue zu entwickeln. So werden auch ständig neue Glasarten besonders im Bereich des Bauwesens zum Einsatz gebracht.

Das Floatglasverfahren eröffnete durch geringere Produktionskosten ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten

Das Floatverfahren eröffnete durch geringere Produktionskosten ganz neue Möglichkeiten

Seit mitte des 20. Jahrhunderts wird Flachglas im Floatprozess oder auch Floatglasverfahren, hergestellt und liefert derzeit etwa 95 % des gesamten Flachglases aller Anwendungsbereiche wie Fensterglas, Autoscheiben und Spiegel.

Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Henry Bessemer die Idee, flüssiges Zinn als Träger für Flachglas zu verwenden. Im Jahre 1902 erhielt William E. Heal ein Patent in den USA auf das Herstellungsprinzip, Glas kontinuierlich über ein Zinnbad laufen zu lassen und so planparallele Oberflächen zu erhalten. Dieses Patent ist nie kommerziell genutzt worden.

Sir Alastair Pilkington entwickelte das Verfahren so weit, dass es industriell anwendbar wurde, und stellte es am 20. Januar 1959 der Öffentlichkeit vor. 1966 begann die Firma Pilkington Brothers in St. Helens mit der Produktion und vergab nachfolgend eine Vielzahl von Lizenzen an andere Flachglashersteller.

Schon bald kam weltweit das meiste Flachglas aus Floatglasanlagen. Durchsichtiges Flachglas ist seither bedeutend billiger geworden und stellt heute ein vielseitig und großflächig in der Architektur eingesetztes Baumaterial dar, das Architekten einen großen Gestaltungsspielraum gibt und energiesparende Konstruktionen mit hoher Transparenz ermöglicht.